V.A. (VARIOUS ARTISTS) (COMPILATIONS) — SEITO: In the Beginning, Woman Was the Sun.

Format: CD
Label & Cat.Number: Akuphone AKUCD1016
Release Year: 2019
Note: a compilation dedicated to the current Japanese FEMALE underground between experimental, ambient electronic and Avantgarde Pop, feat: KAKUSHIN NISHIHARA (astonishing shamanistic noise!), KUUNATIC (exotic Pop trio from Tokyo), KIKI HITOMI (dark industrial Pop), KEIKO HIGUCHI (experimental sound- and vocal-scapes), and others... highly recommened if you look for new, exciting & exotic tunes!!
Price (incl. 19% VAT): €13.00

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"Seitō, das bersetzt Blaustrumpf oder blauer Strumpf bedeutet, war eine literarische Zeitschrift, die von 1911 bis zu ihrem Verbot 1916 in Tokyo herausgegeben wurde und sich zum Ziel setzte, der japanischen Frau eine Stimme zu geben bzw. diese aus ihrer aufgezwungenen Marginalitt zu befreien. Wie der Titel der Publikation schon nahelegt, war der Ansatz stark von der europischen Frauenbewegung inspiriert, doch wenn die als leitende Herausgeberin fungierende Feministin Hiratsuka Raichō in einem zentralen Text auf den Shinto-Schpfungsmythos verwies und schrieb When Japan was born, woman was the sun, the true human being, knpfte sie auch an eigene Traditionen an und implizierte, dass die Frau in der japanischen Kultur nicht von Beginn an eine marginale Stellung innehatte. Die Ungleichbehandlung galt so als Verfallserscheinung.

Auch wenn man sich mit experimenteller japanischer Musik befasst, unter der das fettestgedruckte Schlagwort sicher nach wie vor Noise ist, knnte man den Eindruck bekommen, dass es sich dabei weitgehend um Mnnerdomnen handelt eine Klischeevorstellung letztlich, denn sobald man sich unter der blichen medialen Wahrnehmungsgrenze umschaut, wird man auch in den abseitigeren Klangknsten einige interessante Musikerinnen finden. Vermutlich war es auch diese Unterreprsentiertheit, die die Kuratoren der vorliegenden Compilation dazu bewegte, einen Querschnitt interessanter japanischer Experimentalmusikerinnen zu prsentieren. Titel und Untertitel erinnern an den vor hundert Jahren stattgefundenen Diskurs, und auch die Musik reicht auf Referenzebene bis in diese Zeit zurck.

Noise in brachialer Form, wie man ihn hierzulande gerne mit Japan assoziiert, findet sich kaum in der kleinen Anthologie, vielleicht um den Fokus mehr auf subtile Herangehensweisen zu legen. Als Stilmittel innerhalb einzelner Stcke spielt Lrm aber eine nicht zu unterschtzende Rolle. Vielschichtiges Rauschen und Prasseln sowie hohe Sinustne berdecken irgendwann den an einen Countertenor erinnernden Gesang Fuji Yukis, und auch wenn sich die verschiedenen Soundschichten immer neu verschieben, stellt sich irgendwann eine monumentale Wirkung ein. Auch bei Kiki Hitomi droht der schleppende Takt und der unheimliche, an ein zombifiziertes Weihnachtslied erinnernde Gesang unter einer Schuttlawine begraben zu werden. Eher verspielt wirken dagegen die Radiosamples und Effekte der in Dsseldorf lebenden Miki Yui.

Einige Beitrge beinhalten Referenzen auf ltere Musik klassischer oder populrer Art, was selbst durchaus Tradition hat, wenn man bedenkt, dass Knstler wie die Group Ongaku schon in den 60ern im Zeichen des Fluxus traditionell japanische Klnge mit Geruschen des Alltags kombinierten. Mikado Kiko etwa samplet eine Aufnahme des bekannten Songs Fukagawa Bushi aus den 20ern, bei der die Sngerin und Geisha Fumikichi Fujimoto (1897-1976) in anrhrender Art und mit Saitenspiel begleitet eine Kriegsgeschichte in einen Song packt. Exotik, die man in die alte Aufnahme projizieren knnte, wird in Mikado Kikos Palimpsest jedoch nicht durch lrmende Verfremdung, sondern durch groovige Dubstep-Rhythmen durchbrochen. Kakushin Nishihara kontrastiert monotones Saitengeschmetter mit drngenden Vocals und einem Fundament aus rauem Noiserock, wohingegen Kuunaki ein Trio, zu dem die Noise-Musikerin Yuko Araki zhlt mit Rasseln, Pauken und einem kraftvoll-melodischen Gesangspart zum Kampf trommeln. Martialisch geht es auch in Keiko Higuchis Version des traditionellen Songs Okesa Bushi zu, dass bersetzt Nhende Kriegerinnen heit. Schleppende Klavierakkorde und eindringlicher Gesang steigern sich zu einem furiosen Crescendo, dass all die Kmpfe, von denen diese Musik kndet, noch einmal Revue passieren lsst.

Thematisch knpft der Sampler ganz gut an die Anthologie Art of the Muses (Syrphe Records 2012) an, die z.T. hnlich geartete Musikerinnen aus ganz Ostasien vorstellte. Mehr noch im Fokus auf die Geschichte weiblicher Kreativitt eines bestimmten Landes liegt die Besonderheit von Seitō aber in der forschen, kmpferischen Ausrichtung der ansonsten recht unterschiedlichen Musik, die dann auch ganz gut zu dem passt, was man sich hierzulande unter einem Blaustrumpf vorstellt. Der einzige Wermutstropfen ist die Krze der Verffentlichung, denn zu dem Thema htte sich bestimmt noch mehr finden lassen." (U.S./African Paper)